Weithin sichtbar und über 120 Jahre alt: Der Wasserturm Altglienicke ist das markanteste Bauwerk des Ortsteils. Als ingenieurtechnisches Denkmal des Intze-Systems steht er für die Geschichte der Berliner Wasserversorgung.
1897
Baujahr
~30 m
Höhe des Turms
Intze
Konstruktionsprinzip
125+
Jahre in Betrieb
Ein Wahrzeichen aus der Gründerzeit
Wer durch Altglienicke fährt, kann ihn nicht übersehen: Der Wasserturm Altglienicke an der Sachsenstraße ragt markant über die Dächer des Ortsteils und ist das bekannteste bauliche Denkmal der Gegend. Erbaut im Jahr 1897 nach dem damals modernen Intze-System, versorgte er die wachsende Bevölkerung Altglienickes mit sauberem Trinkwasser – zu einer Zeit, als der Ort mit der Industrialisierung rasch wuchs.
Das Intze-System: Ingenieurskunst des 19. Jahrhunderts
Der Turm wurde nach dem sogenannten Intze-System konstruiert, benannt nach dem Aachener Ingenieurprofessor Otto Intze (1843–1904). Intze löste ein bis dahin schwieriges Problem des Wasserturbinenbaus: Der Wasserdruck im gefüllten Tank übte enorme Zugkräfte auf die Turmwände aus. Intze entwickelte einen konkaven (nach innen gewölbten) Kesselboden, der den Wasserdruck nicht mehr als Zugkraft, sondern als Druckkraft auf den Turm überträgt – eine elegante Lösung, die Mauerwerk statt teurem Stahl möglich machte.
Das Prinzip revolutionierte den Wasserturbinenbau in Deutschland: Dutzende von Wassertürmen nach dem Intze-System wurden zwischen 1880 und 1920 in ganz Deutschland errichtet. Der Turm in Altglienicke ist eines der gut erhaltenen Beispiele dieser Konstruktionsweise in Berlin.
Otto Intze löste das Problem des Wasserdrucks mit einem konkaven Boden – und machte preiswerte Wassertürme für ganz Deutschland möglich.
Zur Geschichte des Intze-Systems im Bauwesen
Architekt Heinrich Scheven
Der Altglienicker Wasserturm wurde vom Berliner Architekten Heinrich Scheven entworfen. Scheven war bekannt für seine soliden, funktionalen Industriebauten, die dennoch architektonische Qualität besaßen. Die Ziegelfassade des Turms zeigt die für die Gründerzeit typische sorgfältige handwerkliche Ausführung: abgesetzte Gesimse, Rundbogenfenster und eine klare vertikale Gliederung verleihen dem technischen Zweckbau eine gewisse Eleganz.
Geschichte der Wasserversorgung in Altglienicke
Bevor der Wasserturm gebaut wurde, bezog Altglienicke sein Wasser aus Brunnen und war damit von der Qualität des Grundwassers abhängig. Mit dem Bevölkerungswachstum im späten 19. Jahrhundert und der zunehmenden Industrialisierung wurde eine zentrale Wasserversorgung notwendig. Der Turm diente als Druckausgleichsbehälter: Er wurde in den Nachtstunden, wenn der Wasserverbrauch gering war, von Dampfpumpen befüllt und gab das Wasser tagsüber bei Bedarf mit konstantem Druck in das Leitungsnetz ab.
Im 20. Jahrhundert wurde das Berliner Wasserversorgungsnetz zunehmend zentralisiert und modernisiert. Der Turm verlor nach und nach seine primäre Funktion als Druckspeicher, blieb aber als technisches Denkmal erhalten. Heute steht er unter Denkmalschutz und ist ein beliebtes Fotomotiv sowie ein Orientierungspunkt für Anwohner und Besucher.
Besichtigung
Der Wasserturm ist von außen jederzeit frei zugänglich und gut zu besichtigen. Er befindet sich an der Sachsenstraße im Herzen Altglienickes, unweit der S-Bahn-Station Grünbergallee. Führungen ins Innere werden gelegentlich im Rahmen des Tags des offenen Denkmals (jeden zweiten Sonntag im September) angeboten – eine seltene Gelegenheit, die Konstruktion des Intze-Systems von innen zu erleben.
