Die Gartenstadt Falkenberg – auch „Tuschkastensiedlung“ genannt – ist Berlins farbenfrohstes Denkmal. Bruno Tauts kühnes Farbkonzept von 1913 gilt heute als Geburtsstunde des modernen Wohnungsbaus und ist seit 2008 UNESCO-Welterbe.
1913
Baubeginn
2008
UNESCO-Welterbe
6
Berliner Siedlungen im Verbund
~300
Wohneinheiten
Bruno Taut und die Gartenstadt
Bruno Taut (1880–1938) war einer der einflussreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts – und ein Visionär. Als die Berliner Bau- und Wohnungsgenossenschaft „Freie Scholle“ ihn 1913 mit dem Entwurf einer Arbeitersiedlung in Falkenberg beauftragte, nutzte Taut die Gelegenheit für ein radikales Experiment: Farbe als architektonisches Gestaltungsmittel.
Taut ließ die Häuserfronten, Fensterläden und Türen in leuchtendem Ockergelb, sattem Kobaltblau, tiefem Olivgrün und kräftigem Ziegelrot streichen – Farben, die damals in der Arbeiterwohnungswelt so unerhört waren, dass die Berliner Bevölkerung die Siedlung spöttisch „Tuschkastensiedlung“ nannte. Taut übernahm den Namen gerne.
Farbe ist das billigste Mittel, um Freude zu erzeugen.
Bruno Taut, Architekt (1880–1938)
Das Farbkonzept – Revolution in Pastell und Signalton
Tauts Farbpalette war nicht zufällig gewählt. Er glaubte fest daran, dass das äußere Erscheinungsbild eines Hauses das seelische Wohlbefinden seiner Bewohner beeinflusst. In einer Zeit, in der Berliner Mietshäuser in endlosem Grau und Ocker erstarrten, setzte er ein farbiges Zeichen gegen die Tristesse des Alltags. Jede Straßenzeile erhielt ein eigenes Farbkonzept, sodass sich das Gesamtbild der Siedlung in lebendige Abschnitte gliedert – ein Prinzip, das Taut später in seinen berühmten Berliner Großsiedlungen weiterentwickelte.
UNESCO-Welterbe: Sechs Berliner Siedlungen
Im Jahr 2008 nahm die UNESCO die Gartenstadt Falkenberg zusammen mit fünf weiteren Berliner Siedlungen der Weimarer Republik als Welterbe auf. Die sechs Siedlungen gelten gemeinsam als herausragendes Beispiel für den sozialen Wohnungsbau der Moderne. Alle Siedlungen stehen für die neue Vision einer menschenwürdigen, lichtdurchfluteten und grünen Wohnumgebung für die Arbeiterklasse:
- Gartenstadt Falkenberg (Altglienicke, 1913–1916) – Bruno Taut
- Siedlung Schillerpark (Wedding, 1924–1930) – Bruno Taut
- Großsiedlung Britz / Hufeisensiedlung (Neukölln, 1925–1930) – Bruno Taut & Martin Wagner
- Wohnstadt Carl Legien (Prenzlauer Berg, 1928–1930) – Bruno Taut & Franz Hillinger
- Weiße Stadt (Reinickendorf, 1929–1931) – Otto Rudolf Salvisberg u. a.
- Großsiedlung Siemensstadt (Spandau, 1929–1934) – Hans Scharoun u. a.
Gartenstadt-Ideal: Licht, Luft und Grün
Konzeptionell folgte Falkenberg dem englischen Gartenstadt-Ideal Ebenezer Howards: niedrige Bebauung, großzügige Grünflächen zwischen den Häuserzeilen, Vorgärten für jede Einheit. Die Siedlung war damit der direkte Gegenentwurf zum dichten Berliner Mietskasernen-Modell. Breite, baumgesäumte Wege ersetzen die engen Hinterhöfe – auch heute noch atmet Falkenberg diesen Geist der Reformarchitektur.
Besichtigung und Anreise
Die Gartenstadt Falkenberg ist frei zugänglich und lädt zu einem ausgedehnten Spaziergang ein. Am beeindruckendsten wirken die Häuserzeilen im Sonnenlicht – die Farben erstrahlen dann in ihrer vollen Intensität. Das Welterbe-Ensemble befindet sich rund um die Akazienhof-Straßen im nördlichen Teil von Altglienicke. Informationstafeln erläutern vor Ort die Geschichte der Siedlung und Tauts Architekturphilosophie.
Mit der S-Bahn ist die Siedlung über die Station Grünbergallee (S9, S45) erreichbar, von wo es etwa zehn Minuten Fußweg sind. Wer mit dem Bus anreist, nutzt die Linien 163 oder 164 bis zur Haltestelle Falkenberg.
