Die Altglienicker Brücke

Seit über 30 Jahren überquert der Verkehr in der Köpenicker Straße eine Behelfsbrücke – das Provisorium, das eigentlich nur kurz halten sollte. Die Geschichte der Altglienicker Brücke ist eine der kuriosesten Baugeschichten Berlins.

1906

Ursprünglicher Bau

1945

Sprengung durch Wehrmacht

1995

Behelfsbrücke – „kurzzeitig“

~2025

Geplanter Ersatzneubau

Die Oppenbrücke – Beginn einer langen Geschichte

Als der Teltowkanal zwischen 1904 und 1906 angelegt wurde, entstand im Zuge der Köpenicker Straße eine stählerne Fachwerkbrücke, die den neuen Wasserweg überspannte und die Ortsteile Adlershof und Altglienicke miteinander verband. Das Bauwerk trug zunächst den Namen Oppenbrücke.

Die Fachwerkkonstruktion galt für ihre Zeit als solide und funktional. Jahrzehntelang überquerten Fußgänger, Fuhrwerke und später Autos und Straßenbahnen die Brücke, ohne dass sie größere Probleme bereitete – bis der Zweite Weltkrieg alles veränderte.

Sprengung 1945 und Wiederaufbau

Am 19. April 1945, in den letzten Kriegstagen, sprengten Einheiten der Wehrmacht die Fachwerkbrücke, um den Vormarsch der sowjetischen Truppen zu verlangsamen. Beide Brückenhälften lagen danach im Teltowkanal. Die Köpenicker Straße war unterbrochen.

1949/50 wurde die Brücke gehoben, rekonstruiert und wieder für den Verkehr freigegeben – unter ihrem neuen Namen Altglienicker Brücke, nun benannt nach dem angrenzenden Ortsteil. Doch einige konstruktive Mängel blieben, und bereits 1967 wurden erhebliche Schäden festgestellt. Die Hauptträger wurden verstärkt, eine leichtere Stahl-Fahrbahn eingezogen – ein erster Hinweis auf die strukturellen Probleme, die die Brücke ihr ganzes restliches Leben begleiten sollten.

Das große Provisorium beginnt – 1993 und 1995

Ab Mitte der 1980er Jahre stand immer wieder eine Vollsperrung im Raum. Die über die Brücke führende Straßenbahn und die intensive Bautätigkeit im Kölner Viertel machten sie trotz Mängeln unverzichtbar. 1993 war es dann nicht mehr aufzuschieben: Die Brücke wurde wegen anhaltender Risse und Einbrüche an den Widerlagern für LKW und Straßenbahnen gesperrt – für die Linie 68 bedeutete das das Ende auf dieser Strecke.

1995 wurde neben der alten Brücke eine stählerne Behelfsbrücke errichtet. Sie sollte – wie es hieß – nur kurzzeitig die Überfahrt sichern, bis die Altglienicker Brücke saniert oder neu gebaut werden könnte. Es kam anders.

Das Provisorium, das nur kurz halten sollte, steht seit über 30 Jahren – und kostete am Ende mehr als ein Neubau.

Bund der Steuerzahler, Jahresbericht 2004

30 Jahre Provisorium – die „unendliche Geschichte“

Die Behelfsbrücke entpuppte sich schnell als problematisch: Sie war für einen mehrjährigen Dauerbetrieb nicht ausgelegt und außerdem zu tief über dem Kanal gebaut – sodass Güterschiffe nicht mehr darunter hindurchfahren konnten. Im Jahr 2003 wurde das Provisorium daher für 750.000 Euro um 80 Zentimeter angehoben. Die Gesamtkosten für die Behelfsbrücke überstiegen damit bereits die Kosten einer regulären Sanierung der alten Brücke – was der Bund der Steuerzahler 2004 öffentlich rügte.

Die alte Fachwerkbrücke steht seither als Stahlgerippe da – die Fahrbahn und später auch der Gehweg wurden nach und nach abgebaut, da Gehwegplatten drohten in den Kanal zu fallen. Heute dient das Bauwerk nur noch als Leitungsträger für Gasleitungen, ein Frischwasserrohr der Berliner Wasserbetriebe und Telekommunikationskabel.

Der Ersatzneubau – endlich in Sicht?

Da Behelfsbrücken für eine Lebensdauer von 30 Jahren ausgelegt sind, war klar: Um 2025 muss etwas passieren. Die Planung für einen Ersatzneubau wurde aufgenommen. Geplant ist eine moderne Stahlverbund-Fachwerkbrücke mit einer lichten Weite von 36 Metern, entworfen vom Ingenieursbüro AFRY Deutschland. Die Senatsverwaltung für Mobilität hat dem Vorhaben zugestimmt.

Für Altglienicke wäre ein echter Neubau mehr als überfällig: Über 30 Jahre lang meisterten Busse auf dem engen Provisorium regelrechte Akrobatik, wenn sie die enge Kurve zum Ernst-Ruska-Ufer nehmen mussten. Mit einem vollwertigen Brückenneubau in der Köpenicker Straße bekäme Altglienicke endlich wieder die Straßenverbindung, die es verdient.