Der Berliner Spionagetunnel

Mitten im Kalten Krieg gruben westliche Geheimdienste einen 450 Meter langen Tunnel unter der Sektorengrenze hindurch – direkt in den Ostteil Berlins. Was als Meisterstück der Spionage galt, war dem KGB von Anfang an bekannt.

450 m

Tunnellänge

1955–56

Bauzeit & Betrieb

600+

Abgehörte Leitungen

50.000 h

Aufgezeichnetes Material

Operation Gold – Ein Tunnel als Staatsgeheimnis

Im Jahr 1953 schmiedeten der amerikanische CIA und der britische MI6 einen gemeinsamen Plan, der in die Geschichte eingehen sollte: den Bau eines geheimen Abhörtunnels vom amerikanischen Sektor in West-Berlin in den sowjetisch kontrollierten Ostteil der Stadt. Das Projekt erhielt den Decknamen Operation Gold (britische Seite: Operation Stopwatch).

Der Tunnel begann im Keller eines unscheinbaren Gebäudes in der Rudower Chaussee im Bezirk Altglienicke – keine zwei Kilometer von der Sektorengrenze entfernt. Von dort gruben Ingenieure und Arbeiter in größter Geheimhaltung 450 Meter weit nach Osten, um dort die Haupttelefon- und Telegraffenleitungen der sowjetischen Armee anzuzapfen.

Technische Meisterleistung

Der Tunnel war ein ingenieurtechnisches Wunder seiner Zeit. Mit einem Durchmesser von etwa zwei Metern war er gerade groß genug, dass ein Mensch aufrecht darin arbeiten konnte. Besondere Herausforderung war die Temperaturregulung: Damit die Wärme der Abhörtechnik nicht durch den Erdboden nach oben drang und den Tunnel an der Oberfläche verriet, wurde ein ausgeklügeltes Kühlsystem eingebaut. Über 600 sowjetische Kommunikationsleitungen wurden angezapft – militärische Befehle, diplomatische Depeschen, geheime Berichte.

In den rund elf Monaten seines Betriebs (ab April 1956 bis zur Entdeckung) zeichneten die Alliierten schätzungsweise 50.000 Stunden Audiomaterial auf. Die Auswertung dieser gigantischen Datenmenge beschäftigte Hunderte von Analysten über Jahre.

Der Tunnel war von Anfang an enttarnt – und trotzdem lief er fast ein Jahr lang. Das KGB wollte seinen Maulwurf schützen.

Historiker-Konsens zur Operation Gold

Der Verräter: George Blake

Was die westlichen Geheimdienste nicht wussten: Der britische MI6-Offizier George Blake, der an der Planung beteiligt war, war ein Doppelagent. Er hatte die Pläne bereits vor Baubeginn an den KGB weitergeleitet. Die Sowjets entschieden sich jedoch bewusst, den Tunnel laufen zu lassen, um Blake nicht zu gefährden. So wurde Operation Gold zum bizarrsten Spionagedrama des Kalten Krieges.

Als Blake schließlich 1961 enttarnt wurde, verurteilte ihn ein britisches Gericht zu 42 Jahren Haft – damals das härteste je in Großbritannien verhängte Urteil. Doch bereits 1966 gelang ihm mit Hilfe von Sympathisanten eine spektakuläre Flucht aus dem Wormwood-Scrubs-Gefängnis nach Ost-Berlin. Blake lebte fortan in der DDR und später in Moskau. Er starb im Dezember 2020 im Alter von 98 Jahren.

Entdeckung und Folgen

Im April 1956 – fast genau ein Jahr nach Inbetriebnahme – entdeckten sowjetische Ingenieure bei Routinearbeiten den Tunnel. Natürlich war die „Entdeckung“ in Wirklichkeit ein inszeniertes Schauspiel: Das KGB wollte endlich den lästigen Lauschangriff beenden, ohne Blakes Identität preiszugeben. Sowjetische Soldaten marschierten medienwirksam durch den Tunnel, Fotografen wurden eingeladen. Das Propagandaereignis schlug weltweit Wellen.

Heute erinnert in Alt-Treptow das Allied Museum an die Geschichte des Kalten Krieges in Berlin. Ein Teil des originalen Tunnels ist dort als Ausstellungsstück zu besichtigen – ein faszinierendes Zeitdokument des Spionagezeitalters. Der Standort des ursprünglichen Tunneleingangs in der Rudower Chaussee in Altglienicke liegt heute unter einem Wohngebiet.

Altglienicke als Schauplatz der Geschichte

Für den Ortsteil Altglienicke bedeutete der Tunnel eine unsichtbare Last: Jahrelang befand sich direkt unter dem Wohngebiet eine hochgeheime Abhöranlage, von der die Anwohner nichts ahnten. Erst nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Fall der Mauer kamen die vollen Details ans Licht. Die Geschichte des Spionagetunnels ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie der Ost-West-Konflikt bis in die Vorstädte Berlins reichte.