Portrait: Geschichte Altglienickes

Historische Siegelmarke der Gemeinde Alt-Glienicke
Historische Siegelmarke der Gemeinde Alt-Glienicke, Kreis Teltow

Geschichte Altglienickes

Altglienicke blickt auf eine fast 800-jährige Geschichte zurück – von der mittelalterlichen Dorfgründung über preußische Landgemeinde und Berliner Vorort bis hin zum Grenzort im Kalten Krieg. Kaum ein Berliner Ortsteil hat so viele geschichtliche Umbrüche erlebt und ist dabei so stark geprägt worden wie dieser Winkel im Südosten der Stadt.

Der Name „Glienicke“

Der Name „Glienicke“ geht auf das slawische Wort „Klenica“ oder „Glinica“ zurück und bedeutet so viel wie „Lehmort“ oder „Ort am lehmigen Gewässer“ – ein Hinweis auf die sandige, durch Schmelzwässer der Eiszeit geprägte Landschaft. Es gab mehrere Orte dieses Namens im Berliner Umland: Neben Alt- und Neu-Glienicke existieren auch Glienicke an der Nordbahn (bei Oranienburg) sowie Klein-Glienicke am Wannsee. Der Zusatz „Alt“ entstand erst im 17. Jahrhundert, als zur Unterscheidung von dem neu gegründeten Gut Neu-Glienicke (dem späteren Bohnsdorf) nötig wurde.

Bronzezeit und Frühmittelalter

Das Gebiet des heutigen Altglienicke war bereits in der Bronzezeit (ca. 1800–600 v. Chr.) besiedelt, wie archäologische Funde in der Region belegen. Slawische Stämme – vermutlich Heveller oder Sprewanen – siedelten hier spätestens ab dem 7. Jahrhundert n. Chr. Sie gründeten kleine Weiler an den fruchtbaren Ufern der Dahme-Zuflüsse und gaben der Landschaft ihren Namen.

Gründung und mittelalterliche Entwicklung (~1230)

Die eigentliche Dorfgründung erfolgte im Zuge der deutschen Ostkolonisation um 1230. Askanische Markgrafen siedelten deutsche Bauern in der Region an; es entstand ein typisches märkisches Angerdorf mit Kirche, Dorfanger und umgebenden Bauernhöfen. Die Feldmark wurde nach dem Dreifeldersystem bewirtschaftet: Wintergetreide, Sommergetreide und Brache wechselten im Jahresrhythmus. Das Dorf lebte von Ackerbau, Viehzucht und der Nutzung der umliegenden Wälder und Gewässer.

Im Landbuch Kaiser Karls IV. (1375)

Die erste urkundliche Erwähnung Altglienickes stammt aus dem Landbuch Kaiser Karls IV. von 1375. Darin wird der Ort als „Glynicke“ geführt und mit einer Zahl von Hufen (Bauernstellen) sowie Abgaben verzeichnet. Das Landbuch ist eine bedeutende Quelle für die Siedlungsgeschichte der Mark Brandenburg – es zeigt, dass Altglienicke bereits als vollständig ausgebautes Dorf mit Kirche und eigenem Pfarrer bestand.

Frühe Neuzeit: Krieg und Wiederaufbau

Der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) traf Altglienicke wie fast alle Dörfer der Mark Brandenburg schwer. Plündernde Truppen, Seuchen und Hungersnöte dezimierten die Bevölkerung drastisch; manche Höfe wurden vollständig aufgegeben. Der Wiederaufbau erfolgte unter dem Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm, der gezielt Einwanderer – darunter Hugenotten aus Frankreich und Mennoniten aus den Niederlanden – in der Mark ansiedelte und so den wirtschaftlichen Neustart einleitete.

Im 18. Jahrhundert entwickelte sich Altglienicke zu einer stabilen Landgemeinde unter preußischer Verwaltung. Neben der Landwirtschaft entstanden erste Handwerksbetriebe; die Nähe zu Berlin machte den Ort zu einem gelegentlichen Versorgungsort für die wachsende Hauptstadt.

Alt-Glienicke und Neu-Glienicke

Im 17. Jahrhundert wurde südöstlich des alten Dorfes das Rittergut Neu-Glienicke angelegt – ein adeliger Grundbesitz mit eigenem Vorwerk. Aus diesem Gut entwickelte sich der heutige Ortsteil Bohnsdorf. Um beide Orte auseinanderzuhalten, setzte sich fortan die Unterscheidung „Alt-Glienicke“ und „Neu-Glienicke“ durch. Die beiden Gemeinden blieben administrativ getrennt und entwickelten eigene Identitäten, obwohl sie geografisch eng benachbart waren.

Industrialisierung und Eingemeindung (1920)

Die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts brachte Altglienicke einen raschen Bevölkerungszuwachs. Arbeiter aus dem preußischen Hinterland zogen in den aufstrebenden Berliner Vorort; Fabriken und Werkstätten entstanden. Das Bevölkerungswachstum erforderte neue Schulen, eine größere Kirche (erbaut 1894/95) und eine geregelte Wasserversorgung (Wasserturm 1905/06). Altglienicke wurde zum typischen Berliner Arbeiterorsteil der Gründerzeit.

Mit dem Groß-Berlin-Gesetz von 1920 wurde Altglienicke – wie über 80 weitere Gemeinden und Gutsbezirke – nach Berlin eingemeindet und dem neuen Verwaltungsbezirk Treptow zugeordnet. Die selbständige Gemeindeverwaltung, die eigene Schule, das Kirchspiel – all das blieb zunächst erhalten, aber die juristische Eigenständigkeit war Geschichte.

DDR und die Berliner Mauer (1961–1989)

Nach dem Zweiten Weltkrieg fiel Altglienicke in den sowjetischen Sektor Berlins. Mit dem Mauerbau am 13. August 1961 wurde der Ortsteil schlagartig zum Grenzgebiet: Die Berliner Mauer verlief direkt am südlichen und östlichen Rand Altglienickes entlang der heutigen Grenze zu Brandenburg. Bewohner, die im Westen Verwandte hatten, wurden von einem Tag auf den anderen abgeschnitten. Das Grenzregime prägte den Alltag: Sperrzone, Wachttürme, Hinterland­mauer und Scheinwerfer waren Teil des Ortsbildes.

Ein symbolträchtiges Ereignis spielte sich im November 1989 in Altglienicke ab: Am 10./11. November 1989, unmittelbar nach dem Mauerfall, öffnete sich an der Schönefelder Chaussee das sogenannte „Glienicker Fenster“ – eine der ersten improvisierten Grenzöffnungen im Berliner Süden. Tausende Menschen überquerten an dieser Stelle die ehemalige Todeszone.

Altglienicke heute

Nach der Wiedervereinigung erlebte Altglienicke einen grundlegenden Wandel: Das ehemalige Grenzgebiet wurde zum Landschaftspark umgestaltet, neue Wohngebiete entstanden, die S-Bahn-Linie wurde verlängert und der neue Hauptstadtflughafen BER rückte die Region in greifbare Nähe. Heute ist Altglienicke ein ruhiger, grüner Wohnortsteil im Südosten Berlins mit guter Infrastruktur und einer lebendigen Bürgergemeinschaft – und einem ungewöhnlich reich bestückten historischen Erbe.